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Mediterraner Kapitalismus

BLOG
8 April 2016

Irgendwie schon komisch, Spanien wird wirtschaftlich als europäisches Krisenland betrachtet mit hoher Staatsverschuldung und geringer Effizienz, dabei ist der reichste Mann Europas ein Spanier, Amancio Ortega, der Gründer der Textilkette Zara. Ein Widerspruch? Keineswegs! Eigentlich ist seine Karriere sogar typisch für das "business model" in Südeuropa , die Gesamt-Produktivität zwar eher unbefriedigend, aber es gibt sehr erfolgreiche Einzelunternehmer. Grund: Ein seit Jahrhunderten unterschiedliches Gesellschaftmodell.

Solche Ortegas hat es in Südeuropa schon immer gegeben, der entrepreneur-spirit des Einzelnen ist historisch dort vielleicht sogar stärker verwurzelt als im Norden. Von den privat finanzierten Conquistadores im 16. und 17. Jahrhundert bis zu Onassis, die Modeunternehmer Benetton und Ortega , den kürzlich verstorbenen Nutella-König Ferrero und Berlusconi natürlich nicht zu vergessen. Schon in frührömischer Zeit entwickelte sich im Mittelmeerraum dieses Gesellschaftsmodell: ein Clanchef versammelt Familie und Getreue um sich, die für ihn arbeiteten, im Gegenzug versorgte und beschützte er sie. Dieser mediterrane Unternehmer verhielt sich wie ein "pater familias", schon im römische Recht die Definition für fürsorgliches, soziales und rücksichtsvolles Verhalten. Entscheidungen werden allein oder im Familienkreis gefällt, Eigeninitiative oder Mitsprache der Mitarbeiter ist auch nicht erforderlich, denn diese können sicher sein, dass der Chef sie schon versorgt, Fähigkeiten, Erfolg, Talent oder Arbeitseinsatz hin oder her .

Weiteres Kennzeichen: Diese Gruppen waren primär nicht an Geldanhäufung oder Wirtschaftswachstum interessiert, man gab sich genießerisch und verschwenderisch, man zeigte, was man hatte, errichtete Baudenkmäler und Paläste. Ziel war das Wohlergehen der Gruppe, nicht ein übergreifender unternehmerischer Erfolg. Produktion? Industrie? Technischer Fortschritt? Alles Fehlanzeige. Ein charmantes Gesellschafts - aber leider kein Geschäftsmodell.

Doch dann kamen die Engländer und die Holländer, die die Spanier militärisch besiegten, weil sie die besseren Schiffe bauten und vor allem eine weitere Waffe im Konkurrenzkampf einsetzten: den Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen. Es waren britische, niederländische und später US -amerikanische Unternehmer, die das System der Unterordnung aller Lebensaspekte unter das Gewinnstreben erfanden und bald sollte dieses System den Alltag jedes Einzelnen in der Industriegesellschaft beherrschen.

So war die Niederländische Ostindien -Kompanie (VOC) zu der sich am 20. März 1602 niederländische Kaufmannskompanien zusammenschlossen, um die Konkurrenz untereinander auszuschalten eine der ersten Kapitalgesellschaften. Die VOC erhielt vom niederländischen Staat sogar Hoheitsrechte in Kriegsführung, Festungsbau und Landerwerb. Kein Wunder, dass sie erfolgreicher waren als so manches eher auf Prunk aufgestelltes Königshaus.

Der Süden Europa stellte sich diesem Konkurrenzangebot erst gar nicht. Dort definierte man sich weiter eher über seine sozialen Bindungen als über beruflichen Erfolg. Klingt erst mal gut, aber es gibt auch eine üble Kehrseite: Solange das so bleibt, werden Länder wie Spanien, und das gilt im Besonderen für Mallorca, die Nachteile dieser (Familien-) Clanbildung, nämlich Korruption und Nepotismus, nie überwinden können. Und auch klar: Der Staat (und in dieses Bild gehört natürlich aus heutiger Sicht auch die EU), gilt als fernes Monstrum , das mit Misstrauen beäugt wird.

Wo sind denn die erfolgreichen Unternehmen, die doch in Zeiten des Wirtschaftsbooms in Spanien entstanden sein müssten? Es gibt sie , von Ausnahmen einmal abgesehen, leider nicht. Auch noch im 3. Jahrtausend kann man den Eindruck gewinnen, dass es nicht um nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg geht, sondern vielmehr darum, die größte Yacht im Mittelmeer zu besitzen.

Aber dieses System hat auch Vorteile: Die mediterranen Gesellschaften werden wegen ihrer starke n Betonung von Familie und Gemeinschaft High -Context oder Face to Face - Kulturen genannt. Das macht solche Systeme langsamer, träger, aber auch genussvoll unkapitalistischer. High -Context -Kulturen haben auch den Vorteil, dass sie Gemeinschaft herstellen. Der persönliche Bezug ist unerlässlich für den Geschäftsabschluss Klar, das ist manchmal aufwendig, erweist sich aber im Geschäftsleben und in der Politik auf lange Sicht oft als tragfähiger als der vermeintlich juristisch wasserdichte Vertrag, mehr Spass macht es sowieso.

Grundlage dieses blogs ist ein Artikel aus der App der Süddeutschen Zeitung vom 14.03.2015 ; Autor: Sebastian Schoepp

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